das Interview mit Karin Lükewille aus meinem Magazin “Kein Zurück zum Ursprung? Portrait einer Hebamme”




Karin Lükewille ist neben den Frauen im Geburtshaus momentan die einzige Hebamme in Bielefeld, die freiberuflich arbeitet. Sie ist 1967 geboren und Mutter von vier Kindern. Wenn Karins Mann nicht die Rolle als Hausmann einnehmen würde, wäre es dem Paar nicht möglich, die Familie zu finanzieren und gleichzeitig die nötige Zeit für ihre Kinder aufzuwenden. Karin befindet sich somit in einer für freiberufliche Hebammen guten Lage, was lange nicht auf alle Hebammen in Deutschland zutrifft. Ich habe Karin zu ihrer Situation und Erfahrung als Hebamme befragt und das Interview mit einigen Hintergrundinformationen ergänzt.


ich: Wie, wann und warum bist du Hebamme geworden?

Karin: Meine Schwester ist jung Mutter geworden und spielte eine Zeit lang mit dem Gedanken, Hebamme zu werden. Dadurch wurde ich auf den Beruf aufmerksam. Ich hätte auch etwas anderes werden können, aber Hebamme war immer dabei.


Was liebst du an deinem Beruf?

Die Arbeit mit Frauen und das Wunder der Geburt. Man kann dabei mit so wenig so viel erreichen. Die Geburt ist nicht das Komplizierte, was viele heute denken.  Ich erlebe meistens ganz schöne Geburten, weil sich die Frauen wohl fühlen.


Wie hast du angefangen und wie kam der Schritt zur Selbstständigkeit?

Während der Ausbildung habe ich eigentlich gedacht, dass ich immer in der Klinik arbeiten werde und vielleicht im Nachhinein studiere. Dann aber habe ich ein Externat in Holland gemacht. Ich habe dort eine Woche eine freiberufliche Hebamme begleitet und gesehen, wie es auch sein kann. Geburt war etwas so Selbstverständliches, das war ganz schön. Damals habe ich entschieden, dass ich auch so arbeiten möchte. Ich wollte dennoch zuerst in der Klinik Erfahrung sammeln. Nach sechs Jahren habe ich gemerkt, dass ich den Schritt zur Selbstständigkeit nicht mehr schaffen würde, wenn ich mich nicht rechtzeitig loseise. Anschließend gab es zwei Zwischenfälle in der Klinik, die meine Wahl bekräftigt haben und durch die ich gemerkt habe, dass ich mich damit nicht wohl fühle. Das war im Prinzip diese Fehlerkultur. Oder dass, wenn wirklich etwas passiert, man nicht darüber sprechen kann und jeder versucht, seine Hände in Unschuld zu waschen. Man hat eine Zeit lang gerne dort gearbeitet, aber an dem Punkt habe ich gemerkt, dass das jetzt auch vorbei ist.*

*Das Wesen des „Holländischen Systems“ ist die Überzeugung, dass Schwangerschaft und Geburt physiologische Prozesse sind, die spontan ohne Eingriffe von außen verlaufen können. Die Arbeit der Hebammen wird durch einen Haftpflichtfond unterstützt, in den jeder Bürger einzahlt. Dadurch wird der Beruf der Hebamme angemessen vergütet und anerkannt. Die Kaiserschnittrate in Holland liegt bei nur 15,1,%, in Deutschland hingegen bei über 30%.

Vergleiche „Zu Hause geboren in Holland“ von Christine Eckert, Hebamme, Den Haag, Holland, http://www.hebammenzentrum.at/index.php/archiv-links/archiv/2-uncategorised/197-das-fest-der-hausgeburt-holland,

abgerufen am 19.08.2016




Was kritisierst du an dem Umgang mit der Schwangerschaft und Geburt in Krankenhäusern?

Die Anonymität wahrscheinlich am Meisten. Im Krankenhaus hat man ständig eine andere Hebamme. Vielleicht hat man Glück und es passt und sie hat Zeit für einen und alles ist super. Dann kann man im Krankenhaus wie zuhause gebären, aber meist ist es so, dass man in einen trubeligen Tag gerät, an dem die Hebamme schon viel erlebt hat. Sie versuchen, es einem nett zu machen, aber trotzdem hat keiner so richtig Zeit.**

**In einer Befragung, die der deutsche He-bammenverband 2015 durchgeführt hat, berichten die meisten angestellten Hebammen in Krankenhäusern über häufige Störungen ihrer eigentlichen Arbeit und fehlende Ruhepausen. Die Dokumentation und der Verwaltungsaufwand in den letzten Jahren sei aufwendiger geworden, gleichzeitig habe sich die Zahl der über die Ambulanz zu betreuenden Frauen stark erhöht. Unter diesen Umständen werden insbesondere kommunikative und psychosoziale Aspekte der Patientenversorgung vernachlässigt.

Vergleiche https://www.hebammenverband.1de/aktuell/nachricht-detail/datum/2016/05/23/artikel/die-entwicklung-ist-beunruhigend/,

abgerufen am 2.7.2016



Gibt’s dann überhaupt eine Lösung, auch für die Krankenhäuser?

Es gibt in Deutschland ein Gesetz, die „einseitige Zuziehungspflicht“. Das heißt eine Hebamme kann immer eine Geburt ohne Arzt machen, aber ein Arzt nicht ohne die Hebamme. Das ist es, was unseren Berufsstand schützt. Wir haben Glück, dass dieses Gesetz noch besteht. Eine Lösung für Krankenhäuser wäre der hebammengeleitete Kreißsaal, das gibt es in manchen Städten und ist ein tolles Konzept. Das Schlimme ist, dass immer mehr Kreißsäle in Deutschland geschlossen werden.Geburtshäuser finde ich auch toll, aber in Wahrheit finde ich: wenn du dich in deinen eigenen vier Wänden wohl fühlst, warum gehst du dann ins Geburtshaus. Eine Geburt im Geburtshaus ist wie eine Hausgeburt in gegebenen Räumlichkeiten.***

***Den Rückgang der Kreißsäle in Deutschland eranschaulicht das folgende Zitat: „Gab es 1991 noch 1186 Krankenhäuser mit Geburtshilfe, waren es 2014 nur noch 725. Dies bedeutet einen Rückgang um rund 40 Prozent.“

aus „Frage des Monats: Warum schließen so viele Kreißsäle in Deutschland?“

http://www.unsere-hebammen.de/fakten-infos/frage-des-monats/,

abgerufen am 28.8.2016



Die meisten Menschen hierzulande gehen davon aus, dass es ganz normal ist, im Krankenhaus zu gebären.

Das ist so, weil man es so gewöhnt ist und es nicht hinterfragt. Weil man denkt, dass dieser Weg sicher sei und eine Hausgeburt schlicht verrückt. Bei ganz vielen Frauen, die in der Klinik entbinden, hört man den Satz, „es war ganz schrecklich“. Sie haben ein kleines Trauma erlitten, aber denken vielleicht trotzdem immer noch: „das war alles ganz schrecklich, was mir passiert ist, aber zum Glück war ich in der Klinik“. Sie gehen davon aus, dass das Kind gerettet wurde, weil sie in der Klinik waren. Sie hinterfragen das nicht oder  ziehen in Erwägung, dass es vielleicht so kompliziert gelaufen ist, gerade weil sie in der Klinik entbunden haben.*
*Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG e.V.) dokumentiert seit 1999 die Qualität der Versorgung in Deutschland bei Geburten in der häuslichen Umgebung, im Geburts- haus oder in Hebammenpraxen. Jährlich veröffentlichen sie die aktuellen Zahlen und Fakten zur außerklinischen Geburt in Deutschland. Dabei zeigen die seit Beginn dieser Aufzeichnungen sehr guten Ergebnisse, dass die Geburt zuhause und im Geburtshaus sicher ist. Dies veranschaulicht beispielsweise die Tatsache, dass 92, 2 Prozent der Schwangeren mit einer normalen Geburt rechnen können und 83,3 Prozent aller Geburten wie geplant zuhause oder im Geburtshaus stattfinden. Bei nur 2,7 Prozent wurde die Geburt mit Saugglocke oder Zange unterstützt und die Kaiserschnittrate liegt bei nur 6,8 Prozent. Die große Mehrheit der Neugeborenen ist gesund und die Neugeborenensterblichkeit beträgt 0,16 Prozent (oder 1 bis 2 Kinder auf tausend Geburten). Darin sind auch Todesfälle enthalten, bei denen die Geburt eines nicht überlebensfähigen Kindes außerklinisch geplant und durchgeführt wurde. (Laut Statistischem Bundesamt beträgt der Wert im Jahr 2014 für alle in Deutschland gemeldeten Geburten 0,54 Prozent.)

*Auszüge aus der Infobroschüre „zu Hause und im Geburtshaus“,
http://www.quag.de/quag/infobroschure.htm,
abgerufen am 15.8.2016



Aber gleichzeitig könnten sich viele Frauen aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht vorstellen, ihr Kind zuhause auf die Welt zu bekommen.

Der holländische Arzt weiß, dass da, wo die Frau sich wohl fühlt, die Geburt sicher ist. Diesen Satz gibt es in der deutschen Geburtshilfe nicht. Den meisten Frauen ist das nicht klar. Neulich hat mir eine Frau kurzfristig abgesagt, als sie gemerkt hat, dass sie sich mit dem Hausgeburtsgedanken nicht wohl fühlt. Bei ihr war es der Mann, der unbedingt wollte, dass sie zuhause entbindet. Sie hat sich anfangs leiten lassen, aber schließlich gemerkt, dass es nicht ihr Wunsch ist. Dann ist es für sie genau richtig, in die Klinik zu gehen. Andere hingegen gucken sich im Kreißsaal um und setzen sich dann damit auseinander, ob sie ihr Kind dort gebären wollen. Und merken, dass sie sich eine Geburt so gar nicht vorstellen können.



Wie gehst du mit den Frauen um, die Angst vor der Geburt haben?

Zu meinem Beruf gehört es, den Frauen die Angst zu nehmen. Wir sprechen offen über Ängste und dass ich wirklich eine Frau habe, bei der ich denke, sie wisse noch gar nicht, wie das wird, kommt selten vor.



Welche Ängste haben Frauen in Hinsicht auf die Geburt?

Die Meisten haben Angst vor dem Schmerz. Einige Frauen, die sich nicht trauen, zuhause ihr Kind zu bekommen, halten sich erst mal offen, ob sie eine Hausgeburt machen wollen. Sie müssen erst den vermeintlichen Sicherheitsgedanke Krankenhaus abklopfen und  brauchen Aufklärungsgespräche. Sie müssen sehen, was ich da eigentlich mache, wenn das Baby kommt und was während der Geburt passiert. Oder wie ich reagiere, wenn etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.



Weißt du, wie vielen Babys du schon auf die Welt geholfen hast?

Ich kann das nur schätzen, aber auf jeden Fall locker 1000. Dazu zählen auch die Geburten während meiner Arbeit in der Klinik und im Ausland.



Ist dabei schon mal ein Kind verstorben?

Unter meiner Betreuung als freiberufliche Hebamme nicht, aber ich habe es einmal miterlebt, als ich die Zweithebamme war. Das Baby ist nicht unter der Geburt gestorben, es hat ein paar Tage noch gelebt, aber nie selber geatmet. Wir haben alle hinterher gesagt, dass es Sachen zwischen Leben und Tod gibt, die wir nicht in der Hand haben. Eine Geburt in der Klinik hätte in dem Fall nichts geändert. Das kann man sich gar nicht

vorstellen, aber die Frau meinte hinterher, dass sie froh war, dass sie wenigstens in diesem Moment ihr Kind zuhause hatte.



Was würdest du Zweifler(inne)n entgegnen? Denjenigen, die sich fragen, warum man zuhause gebären sollte, wenn man doch im Krankenhaus im Falle des Falles alles vor Ort hat?

Ob eine Frau auf dem Land, in einer Kinderklinik oder zuhause gebärt: in dem Moment, in dem ein Kind reanimiert werden muss, ist es dasselbe Handwerk, das zum Einsatz kommt. Meine Schwester, die als Gynäkologin arbeitet, hat beispielweise einmal erlebt, dass ein Kind in der Klinik vermeintlich intubiert wurde. Dabei war die ganze Zeit der Magen ausschlaggebend! Dieses Kind ist schwer geschädigt aufgrund der Fehleinschätzung des Oberarztes, es beatmen zu müssen. Solche Problematiken können auftreten, egal, ob ich im Krankenhaus oder zuhause bin. Wir Hebammen in Deutschland stehen unter ständigem Rechtfertigungszwang. Wenn bei einer Hausgeburt Schwierigkeiten auftreten, wird das den Hebammen immer wieder vorgehalten. Wenn in der Klinik hingegen das Gleiche passiert, ist es am nächsten Tag vergessen. Vielleicht spricht man eine Woche drüber, aber dann nicht mehr, weil „es im Rahmen der Klinik passiert ist“. Zuhause, in der Ruhe, wird einem das lange nachgehängt.



Hat ein Kaiserschnitt negative Folgen für das Baby? Wie erklärst du dir die hohe Kaiserschnittrate in Deutschland?

Es gibt jetzt ganz viel Forschung dazu, ja. Man weiß zum Beispiel, dass die Diabetes Typ 1 Rate bei Kindern, die per Kaiserschnitt geboren wurden, um ein Zehnfaches erhöht ist. Motorisch haben Kaiserschnittkinder Nachteile gegenüber Normalgeborenen. Der Magen Darm Trakt wird gestört, wenn er sich während der Geburt nicht mit dem physiologischen Keim auseinandersetzen musste. Man weiß auch, dass die Reibung, die bei der normalen Geburt auftritt, für die Lunge wichtig ist, damit sie reif ist. Außerdem sind beispielsweise ADHS Kinder meistens mit einem Kaiserschnitt geboren. Es gibt noch mehr Folgen, die ich jetzt nicht alle aufführen kann. Fakt ist, dass, wenn in der Klinik klar ist, dass eine Frau einen Kaiserschnitt bekommt, es besser in den Klinikablauf passt. Es gibt ein paar ausgesuchte Kliniken, beispielsweise in Hamburg, die geplante Kaiserschnitte ablehnen. Wenn es sein muss, einen Kaiserschnitt zu machen, machen sie es nicht geplant, sondern warten wenigstens den spontanen Geburtsbeginn ab. Das ist schon mal der richtige Weg. Aber diese Kliniken sind rar. Die Kaiserschnittrate ist nicht deshalb so hoch, weil die Frauen größere Kinder bekommen und nicht mehr gebären können. Es passiert meistens, weil immer mehr gesehen wird und immer mehr Ultraschalls gemacht werden. Eine Frau beispielsweise hat jedes Mal, wenn sie beim Gynäkologen einen Ultraschall hat machen lassen, gesagt bekommen: „wir wissen nicht, was nicht in Ordnung ist, aber irgendwas ist nicht in Ordnung und das Kind hat ja außerdem immer die Zunge draußen.“ Was macht das mit den Frauen? Das sind Psychowracks. Sie sind gar nicht mehr bei sich und dem Kind, sondern werden stattdessen von Ultraschall zu Ultraschall gehetzt. Man denkt, man mache das alles, um das Kind zu schützen, oder weil man eine gute Mutter ist. In Wahrheit ist es ganz selten, dass dabei etwas erreicht wird, wovon das Kind irgendeinen Vorteil hat.  Ein Großteil meiner Arbeit liegt darin, das gerade zu biegen, was ein Gynäkologe in seiner Vorsorge gesagt hat. Kein Gynäkologe macht das, weil er´s böse meint, sondern weil von ihnen unter Anderem verlangt wird, die Frauen zu warnen.



Wie war deine Situation, als du mit der Lehre angefangen hast, im Vergleich zu heute?

Unbürokratischer.



Wie macht sich das bemerkbar?

Das Wichtigste für Hebammen, die in Deutschland arbeiten, ist heutzutage eine gute Dokumentation und Qualitätsmanagement. Aber das ist im Grunde nur Zettelwirtschaft. Ich habe jetzt zehn Zettel mehr, die ich abheften kann, aber deswegen arbeite ich doch nicht besser! Das ist alles Zeit am Menschen, die verloren geht. In drei Jahren habe ich zusätzlich jemanden, der mich kontrolliert, wie ich meine Dokumente mache. Ich werde aufschreiben müssen, wie ich arbeite und mir das zertifizieren lassen. Dann muss ich alle zwei Jahre wieder ein Zertifikat abholen, das zeigen soll, dass ich so arbeite, wie ich es aufgeschrieben habe und dass ich gut dokumentiere, damit ich mit den Krankenkassen abrechnen kann. „Qualitätsmanagement“ zeigt aber nicht, dass ich besser arbeite, sondern bedeutet  „Kundenzufriedenheit“. Was für ein Schwachsinn. Ich muss doch keinen Evaluationsbogen ausfüllen, damit ich weiß, ob jemand mit mir zufrieden ist oder nicht. Meine Arbeit wird das nicht zum Besseren oder Schlechteren wenden.



Wie schaffst du es, Berufliches und Privates unter einen Hut zu bringen?

Ich empfinde meine Arbeit nicht als Arbeit und es ist wichtig, dass ich das so sehe. Wenn ich, sobald ich zuhause bin, bei jedem Anruf denken würde, dass ich in meiner Freizeit gestört werde, würde ich irgendwann durchdrehen. Früher, als junge Hebamme, konnte ich schlechter abschalten und wollte zum Beispiel an meinem freien Tag nichts mehr von Kindern hören. Das hat sich bei mir in der Zwischenzeit geändert. Ich bin es gewohnt, ständig auf Ruf und immer ansprechbar zu sein.



Und das ist dann dein Leben?

Beruf und Arbeit zu trennen, geht als freiberufliche Hebamme schlecht. Das verwebt sich ineinander. Ich kenne auch Kolleginnen, die gerne mehr Freizeit haben wollten. Dass man mal wirklich nicht gestört wird und man ausschließlich private Sachen machen kann, aber das ist so gut wie unmöglich.



Betrifft dich der Sicherstellungszuschlag?

Ja, deshalb kann ich meine Haftpflichtversicherung wieder zahlen. Das können wir jetzt richtig abrechnen. Wenn wir eine Geburt im Monat einleiten, kriegen wir die Hälfte der Prämie wieder. Aber die Hebammen, die nur Vor- und Nachsorgen betreuen, haben nichts davon. Nein, gar nichts.



Ist es in Deutschland eher eine Ausnahme, dass man als Hebamme wie du arbeitet und somit vom Sicherstellungs-zuschlag profitiert?

Ganz genau, wir sind nicht viele.



Was ist deiner Meinung nach der Hauptgrund dafür, dass es von euch so Wenige gibt?

Wie eine Kollegin immer gesagt hat, haben sich Hebammen ihr Angestelltensein auch erkämpft. Als ich Angestellte war und im Krankenhaus gearbeitet habe, hatte das auch angenehme Seiten. Man kann beispielsweise krank sein, Urlaub machen und erhält Weihnachtsgeld. Das ist alles sehr gesichert geregelt. Das bedeutet auch Lebensqualität und das wollen die meisten behalten. Bei Anderen, die ganz ohne Geburtshilfe arbeiten, ist ein häufiger Grund die Rufbereitschaft, oder die große Verantwortung, die mit einer Geburt verbunden ist. Damit kann nicht jeder leben.*
*In dem Artikel „zuhause gebärt es sich besser“ von Kathrin Burger, wird das Konzept von hebammengeleiteten Kreißsälen beschrieben. Es stellt einen Kompromiss zwischen Haus- und Klinikgeburt dar. Hier betreut jede Hebamme nur eine werdende Mutter. Ärzte sind nicht anwesend, aber für Notfälle schnell zur Stelle. In einem solchen Hebammenkreißsaal habe die Hälfte der Frauen einer Studie Nicola Bauers aus dem Jahr 2011 zufolge eine interventionsfreie Geburt ohne Wehenmittel, Saugglocke oder Dammschnitt erlebt, während es im ärztlich geleiteten Kreißsaal nur 23 Prozent waren.

Vergleiche http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/niederlaendische-studie-zu-hause-gebaert-es-sich-besser-1.1708690-2,

abgerufen am 21.8.2016




Was ist deine Motivation hinter dem Beruf „Hebamme“?

Der Glaube an die Kraft der Natur. Dass wir dafür gemacht sind und dass es auch gut so ist. Wir haben im Normalfall von Natur aus alle Anlagen dafür, Kinder zu gebären. Heute wird in der Geburtshilfe mit der ganzen Pathologie so viel inszeniert. Das habe ich schon so empfunden, als ich im Krankenhaus gearbeitet habe.




Hast du irgendwelche Ängste in Hinsicht auf die Sicherheit deines Berufs? Zum Beispiel, dass du deinen Beruf in 10 Jahren nicht mehr so ausüben kannst, wie du es tust?

Das kann immer kommen. Wenn man selbstständig ist, kann es beispielsweise mal sein, dass es drei Wochen ruhiger läuft. Das kann Sorgen bereiten. Oder als vor zwei Jahren die Haftpflicht so wahnsinnig gestiegen ist und ich das Gefühl hatte, dass ich mir meinen Beruf nicht mehr leisten könnte, wenn das drei, vier Jahre so weiter ginge. Oder der Prozess um Anna Rockel-Loenhoff. Der Prozess hat einem nochmal vor Augen geführt, wie es in Echt um unseren Stand steht. Dass wir, wenn irgendetwas nicht optimal verläuft, alleine dastehen. Anna hatte zwar auch ihre Fürsprecher, zum Beispiel einen tollen Chefarzt und Frauen, die sie betreut hat, aber das hat alles nichts genutzt. Das Urteil ist einer der härtesten Sprüche, die in diesen Hallen gemacht wurde.***

***Die freiberufliche Hebamme und Ärztin Anna Rockel-Loenhoff, 62 Jahre hat in ihrer 30-jährigen Tätigkeit über 2000 Hausgeburten, darunter 120 mit Steißlagen, ohne Zwischenfälle betreut. Trotzdem wurde sie nach einem bei einer Hausgeburt gestorbenen Kind am 1. Oktober 2014 zu sechseinhalb Jahren Haft, einer Geldstrafe von 50.000€ und lebenslangem Berufsverbot verurteilt. Die Begründung für das Urteil sei, dass, wer auch bei ungewöhnlichen Kindslagen für natürliche Hausgeburten plädiere, den Tod des Kindes „billigend in Kauf“ nehme.

Vergleiche http://www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/ein-angriff-auf-das-leben.html, gesehen am 20.08.2016





Was wird der Frau genommen, wenn sie sich bei einer Geburt in der Klinik für eine Periduralanästhesie (PDA) oder einen Kaiserschnitt entscheidet?

Das hört sich jetzt bescheuert an, aber ich finde, dass sich eine Frau nach einer normalen Geburt nie wieder so stark fühlt. Man ist wahnsinnig stolz, wenn man das geschafft hat und sein Kind im Arm hält. Dessen wird man oft beraubt, wenn man in Kliniken geht. Eine PDA in der Klinik bekommt man nicht, weil die da böse sind. Aber fast jede Frau kommt bei der Geburt an den Punkt, an dem sie denkt, sie schaffe es nicht mehr. An diesem Punkt sind die meisten dafür bereit, alles zu nehmen, was dem Schmerz entgegenwirken könnte. Eine Geburt ist ein Grenzgang! Entweder du hast jemanden an deiner Seite, der sagt, komm, wir warten noch drei Wehen ab und das schaffst du, oder jemanden, der dir was gegen den Schmerz gibt. Wenn du in der Klinik bist, hast du alle Möglichkeiten. Und die wirst du vielleicht auch dann nutzen, wenn du es anders vorhattest.  



Kennst du Kolleginnen, die im Krankenhaus arbeiten und dafür eintreten, keine PDA zu machen?

Es gibt viele Kolleginnen, die das nicht wollen. Aber es gibt auch manche, die Hausgeburten unmöglich finden. Das liegt meist an der schlechten Ausbildung. Es gibt ganz wenige Schülerinnen, die überhaupt noch Hausgeburten sehen. Das sind vielleicht zwei von 25. Die haben dann zwar ein Externat, aber dürfen dort keine Geburten miterleben. Sie machen dann nur Vor- und Nachsorge. Wenn eine Hebamme in der Ausbildung das gar nicht mitkriegt oder sieht, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, für Hausgeburten zu plädieren oder zu verstehen, warum Frauen zuhause entbinden. Wenn man immer nur mitbekommt, wie die Geburt in einer Klinik abläuft, sieht man so viele Sachen, bei denen es schwierig wird, noch differenzieren zu können. Das macht dann irgendwann Angst davor, im Härtefall alleine zu sein. Dass man zuhause von vornherein mit weniger Problemen konfrontiert ist, wird dabei übersehen.



Was würdest du gerne noch loswerden?

Also. Es geht um die normalste Sache der Welt, um Geburten. Die Menschheit gibt es noch und wir sind nicht alle krank und geschädigt. Ich bin dankbar für das Antibiotika und das große Wissen, das die Medizin erreicht hat. Aber in Deutschland haben wir es geschafft, dass die Geburtsmedizin mit der ganzen Technisierung ein Wahnsinnsgeschäft mit der Angst geworden ist. 70 % der deutschen Schwangeren sind offiziell laut Mutterpass „risikoschwanger“. Keine andere Nation hat das geschafft. Dagegen haben wir unter Anderem die schlechtesten geburtshilflichen Zahlen. Wir haben eine wahnsinnig hohe Kaiserschnittrate. Jedes dritte Kind wird per Kaiserschnitt geboren. Und da winden sie sich alle und behaupten, das liege an den Frauen. Aber das stimmt nicht. Es sind nicht die Wunschkaiserschnitte, die diese Zahl so in die Höhe getrieben hat. Es geht nur noch darum, sich abzusichern. Es ist schwer, jemandem so etwas abzusprechen. Die Frauen so aufzuklären, dass man selber nicht mehr verklagbar ist. Anstatt die Frauen in Watte zu packen und sie vor allem darin zu bestärken, dass sie stark sind, wird im Grunde nur Kritik geübt. Das hält keine Frau aus und dementsprechend wird sie entbinden. Ich frage mich immer, wie eine Nation wie Deutschland solche Zahlen vorweisen kann und sich nicht in den Boden schämt, sondern sich sogar noch mit erhobenem Zeigefinger hinstellt und meint, Holland würde alles schlechter machen. Dabei sagt die WHO schon seit den  80ern, dass es das Wichtigste ist, dass die Frauen mit einer Hebamme in Kontakt tritt, damit man im Hinterher gute Geburtszahlen hat. Medizinisch begründet in Industrienationen ist beispielsweise eine Kaiserschnittrate von 15%. Dass Schwangere das Recht auf eine Hebamme haben, ist hierzulande gar nicht mehr verbreitet. Wir Hebammen kämpfen ja ständig mit den Gynäkologen.*

* Der im April 1985 veröffentlichte Bericht „Appropriate Technology for Birth“ der WHO (World Health Organization) bekräftigt, dass die Ausbildung der Hebammen gefördert werden solle. Zudem sollen geburtshilfliche Einrichtungen, die mit dem Einsatz von Technik kritisch umgehen und emotionale, psychische und soziale Aspekte in den Vordergrund stellen, bekannt gemacht werden. Die WHO plädiert außerdem für eine normale Geburt ohne medizinische Eingriffe und medizinische Eingriffe nur im Notfall.

Die gesamten Empfehlungen sind nachzulesen auf http://www.quag.de/quag/empfehlungen.htm ,

abgerufen am 15.08.2016




Was wünschst du dir?

Ich würde mir eine selbstbewusste Schwangere wünschen. Eine Frau, die sich von sich aus bei der Hebamme meldet. Wenn alles in Ordnung ist, macht sie dann die Vorsorge bei der Hebamme. Man kann gerne einen Ultraschall in der 20. Woche machen lassen, aber die Hauptarbeit sollte bei der Hebamme liegen. Hoffentlich kennt die Frau die Hebamme gut und fühlt sich wohl. Dann wird sie mit höchster Wahrscheinlichkeit eine schöne Geburt haben und die Komplikationen werden auf ein Minimum reduziert. Unser System unterstützt diese Vorgehensweise aber nicht. Ich habe früher, als ich 19 und mit der Ausbildung fertig war, gedacht, dass sich die Lage wieder ändern wird und wir zu unseren Ursprüngen zurückkommen. Jetzt denken das immer alle Frauen, die bei mir waren, weil sie so begeistert von der Hausgeburt sind. Von wegen! Es gibt noch keine Rückbesinnung, es ändert sich gar nichts. Wir, die freiberuflichen Hebammen, sind immer noch eine Nische. Die Hausgeburtshilfe in Deutschland liegt bei unter 2 %







Die Haftpflichtprämie

Hebammen sind gesetzlich verpflichtet, ihre Berufstätigkeit durch eine Berufshaftpflichtversicherung abzusichern. Trotz leicht rückläufiger Schadensfälle in der Geburtshilfe steigen die Kosten pro einzelnen Schadensfall drastisch an. Dazu zählen sowohl die Aufwendungen für die medizinische, pflegerische als auch die soziale Versorgung und lebenslange Einkommenssicherung der Geschädigten. Hohe Prozess- und Anwaltskosten kommen hinzu. Der Anstieg dieser Kosten lässt die Haftpflichtprämien für alle in der Geburtshilfe Tätigen (Hebammen und Ärzte) in die Höhe schnellen. Daher kam es im Jahr 2010, ohne eine angepasste Steigerung der Hebammenvergütung, zu einem Anstieg der Haftpflichtprämien von 55.6%.**



**“Haftpflichtversicherung“,

http://www.hebammenfuerdeutschland.de/hintergrundwissen,

abgerufen am 24.08.2016


Ein Vergleich zur Veranschaulichung der Entwicklung der Haftpflichtprämien in Euro:***:




  1981    30,68  

  1992    178,95

  1998    393

  2003    453

  2004    1.352

  2006    1.473

  2009    2370,48

  2014    5.091

  2015    6.274

  2016    6.843

  2017    7.639 



***„Zahlenspiegel freiberufliche Hebammen“, https://www.hebammenverband.de/aktuell/nachricht-detail/datum/2016/06/30/artikel/hebammenverband-kritisiert-haftpflichtausgleich-der-krankenkassen/
abgerufen am 15.04.2018


© bettina mari, 2018






Hebammenforum


Bebilderung der Novemberausgabe 2017 des Fachmagazins des deutschen Hebammenverbandes. In diesem Magazin geht es unter Anderem ausführlich um das Handwerk der Hebamme im Wandel der Zeit.

Umfang: Titelseite, 15 Bilder im Heft




>> https://www.hebammenverband.de/hebammenforum/
















© Bettina Ebert, 2020



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